Wann hatten Sie zuletzt Langeweile?

2014-12-09 09:56
von Susanne Günsch

Langeweile haben – ist das eine schlimme Diagnose? Was passiert mit uns Erwachsenen, wenn das Kind klagt, ihm sei  langweilig? Wie geht es uns Erwachsenen selbst mit Langeweile? Kommt sie überhaupt noch in Zeiten, wo wir mindestens drei Dinge gleichzeitig erledigen, um alles zu schaffen? Können Sie im Urlaub Langeweile genießen? Oder läßt auch hier das Entertainmentprogramm das gar nicht zu? Schauen Sie während einer Bahnfahrt aus dem Fenster oder ein „Loch-in-die-Luft“? Oder checken Sie mit dem Smartphone was gerade auf Facebook so los ist?

Können wir uns „Nichts-Tun“ überhaupt erlauben, geschweige denn genießen? Was ist es eigentlich, das Nichts? Empfohlen sei hierzu Loriot: www.youtube.com/watch?v=AxQ7oqOTXlI

Welches Bedürfnis hat ein Kind, wenn es sich über Langeweile beklagt? Eine Erzieher_In/Lehrer_In bekommt möglicherweise Schuldgefühle, wenn ein Kind sich langweilt. Sie denkt dann vielleicht, daß doch bei  so viel Angebot und Möglichkeiten es das nicht geben muss und versucht sich in Animation. Vielleicht fühlt sie sich den Eltern gegenüber als „schlechte“ Erzieherin. Sie schlägt dem Kind ein Buch oder ein Spiel vor, vielleicht willigt das Kind ein.

Vielleicht geht die Erzieherin aber auch auf die Bemerkung  des Kindes ein und fragt nach, wie es dem Kind geht und ob es selbst eine Idee hat, was es tun möchte.  Sie fühlt sich nicht verantwortlich für die Abschaffung der Langeweile. Das ist nur das Kind selbst. Langeweile ist der Zustand der Unschlüssigkeit, was man tun könnte. Also das Warten auf einen Impuls. Hierin besteht die Herausforderung: Als Erwachsener sich zurückhalten, damit das Kind selbst auf eine Idee kommt und der Impuls somit von innen kommt. Für Kinder, die es gewohnt sind, daß die Impulse immer von den Erwachsenen kommen ist das ebenfalls eine Herausforderung. Sie entwickeln keine Eigeninitiative mehr, haben keine eigenen Ideen. In dem Satz „Ich habe Langeweile“ können aber auch andere Botschaften und Wünsche unausgesprochen verborgen sein.

In der heutigen Zeit gibt es ständig eine Fülle von Optionen. Da wird es schwierig sich zu entscheiden. Doch ist es wichtig eigene Entscheidungen zu treffen und sich der Kriterien dafür bewußt zu werden.

Doch meistens wird  die Aussage der Langeweile als „Bespaße mich“ interpretiert. Dann liefern die  Erwachsenen eine Fülle an Möglichkeiten und produzieren damit eine Entscheidungsunfähigkeit. Dabei ist es ein großer Schatz Langeweile zu haben. Sie birgt die Möglichkeit, sich auf sich selbst zu besinnen und den eigenen Bedürfnissen nachzuspüren. Das ist die Gelegenheit für Eigeninitiative – eine der wichtigsten Schlüsselqualifikationen.  Die Fähigkeit selbst den Anstoß zur Tätigkeit zu entwickeln ist etwas sehr elementares und vor allem eine Kompetenz für die Zukunft. Denn das Zeitalter der Fließbandarbeit, der Tätigkeit nach Anordnung und des Gehorsams sind zuende. Selbst denken ist gefragt. Die eigene Meinung, den eigenen Standpunkt zu entwickeln und zu vertreten. Den eigenen Weg in der Problemlösung zu finden. Langeweile ist also ein hervorragender Nährboden für Kreativität. Ebenfalls eine Schlüsselqualifikation. Kreativität heißt schöpferisch tätig zu sein.

Wenn es uns gelingt die Qualität der Langeweile zu sehen, haben wir viel gewonnen. Vielleicht schaffen wir es dann auch unsere zeitweilige Bequemlichkeit mit anderen Augen zu sehen, z. B wenn wir den All-inclusive-Club-Urlaub buchen. Da gibt es dann jede Menge Angebote, an denen man nur noch teilnimmt. Man braucht Programm und bekommt es geliefert. Das erspart die eigene Auseinandersetzung und Planung, in der man so viel erleben und lernen würde. Und wie oft erschlagen wir die Langeweile mit der Fernbedienung, um uns durch die schier grenzenlosen Programme zu zappen. Irgendwo bleibt man dann hängen und erträgt es – aus Langeweile.

Vielleicht ist aber die Langeweile nur die Abwesenheit von Entertainment. Da sind wir auf uns selbst zurück geworfen. Wir könnten die Augen schließen und nach drinnen blicken. Den Blick in die Ferne abschweifen lassen und die abwegigen Gedanken einfach fließen lassen. Das Nichtstun genießen. Ihm Raum geben. Dann hat auch die eigene Kreativität auch wieder eine Chance.

Die Remida mit dem subtilem Aufforderungscharakter der Materialien und ihrer Präsentation sowie den Installationen bildet einen guten Humus eigene Zugänge und die eigene Lust an der Auseinandersetzung wieder zu entdecken.

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