Sich auf die Kinder einlassen

2014-07-08 16:59
von Susanne Günsch
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oder: Mut zum Sibirischen tiger

Der schnelle tiger in Lebensgröße

„Reggio ist doch nicht schwer, man muss sich nur drauf einlassen!“ Ja, aber das ist es ja gerade, das sich Einlassen! Diesen Dialog aus der Remida nehme ich zum Anlass für diesen Blogbeitrag.

Wir sind so nicht erzogen, wir haben es nicht selbst erlebt, es ist nicht Teil der Ausbildung und in der Praxis stoßen ErzieherInnen auf jede Menge Programme mit vorgedachten Experimenten, Ideenkoffer, Pläne, Ziele und bewährte Wege mit klaren Endergebnissen.

Frage ich aber die Erzieherin, die mit leuchtenden Augen vom sibirischen Tiger erzählt, höre ich etwas Anderes.

Sie arbeitet in einer Reggio-orientierten Kita, die ich in ihrem Prozess auf dem Weg dorthin begleitet und unterstützt habe und deshalb freue ich mich mit ihr über den sibirischen Tiger. Das Projekt beginnt mit Aufmerksamkeit: Etliche Jungen und Mädchen der Gruppe der 5-6jährigen  spielen Tiger, Schlange und Adler – weil sie so stark sind, weil sie so schnell sind, weil sie so lang sind und ihre Beute besiegen. Statt das Spiel als Spiel abzutun, nimmt sie es wahr, sieht hin, hört hin und fragt sie Kinder was ihre Faszination ist. Sie hört ihnen zugewandt und aufmerksam zu. Wertet nicht sondern notiert ihre Aussagen und Fragen.

Sie ist interessiert an dem, was in den Kindern vor sich geht. Sie fragt, was fasziniert euch? Was wisst ihr? Was bewegt euch? Wie stellt ihr Euch das vor? Lasst mich teilhaben an dem was ihr denkt, ist die Botschaft. Ihr wahrhaftiges Interesse ist es, was den Dialog befeuert. Sie belehrt nicht, stülpt nicht ungefragt ihre Idee über, sondern ist zunächst fragende Beobachterin. Sie fragt sich auch heimlich selbst, was sie eigentlich über sibirische Tiger weiß und was sie selbst als Kind gespielt hat.

Es ist auch die eigene Neugier, die das erst möglich macht. Neugierig sein, auf das was sie zu sehen und zu hören bekommt. Neugierig auf das, was die Kinder denken, was ihre Konstruktion der Wirklichkeit ist. Was denken sie über den sibirischen Tiger? Was wissen sie über ihn? Was ist ihnen an ihm das Wichtigste? Was verbindet sie mit ihm?

Im Dialog auf Augenhöhe mit den Kindern spiegeln sich Interesse und Neugier in den Fragen wider: Sie fragt offen, also beginnend mit wie, welche, wo, wer, was… diese Fragestellung regt zum eigenen Nachdenken an und fordert eigene Antworten heraus. So entsteht ein anderes Gespräch, als durch geschlossene Fragen, wo Kinder nur mit ja oder nein antworten oder gar die Antworten suggestiv bereits in der Frage formuliert sind.

Vielleicht kennt man solche Situationen aus dem Gespräch mit Freunden, die einem gerade von der eigenen Reise in die Serengeti erzählen. Man hört gebannt zu, das Kopfkino beginnt zu laufen, man erinnert sich an einen Zeitungsbericht, den man mal gelesen hat und fragt nach, bringt sich ein, überlegt – ja, das sind lebendige Gespräche. Das bedeutet miteinander auf Augenhöhe sein. Keiner hat das Gefühl den anderen zu belehren.

Das braucht Offenheit. Offen zu sein für die vielleicht gewöhnungsbedürftigen Gedanken des anderen, hier die der Kinder. Offen sein, für ihre Vorstellungen, für ihre Fragen. Offen sein für ihre Idee, einen lebensgroßen Tiger zu bauen. (Wann haben Sie eigentlich zuletzt etwas gemacht, was Sie noch nie zuvor getan haben? Eine Idee verfolgt, weil Sie das interessiert?) Natürlich recherchiert die Erzieherin nach dem sibirischen Tiger, sie ist ja schließlich neugierig und sie überlegt sich, welche Ideen den Kindern kommen könnten, womit sie rechnen muss. Sie denkt nach, welche Impulse sie den Kindern geben kann, ohne das Projekt zu dominieren sondern den Spuren der Kinder zu folgen. Sie ist offen für den Eigensinn der Kinder, für ihre Wege und auch für ihr Tempo. Da werden Fragen und Hypothesen formuliert. Es wird debattiert und gezeichnet. Es werden Strategien entwickelt und wieder verworfen. Sie wachsen über sich selbst hinaus. Selbst der Besuch beim Tischler mit der Botschaft, daß er ihnen nicht helfen kann, ist wertvoll. Sie haben wieder etwas gelernt und suchen nach Alternativen.

Das alles braucht Zeit. Aber im Flow des Tuns spielt die Zeit keine Rolle mehr. Natürlich gibt es überall Sachzwänge, aber dem Projekt, der Auseinandersetzung der Kinder mit der Welt, die Zeit zu geben, die sie dafür brauchen ist wichtig. Das ist das Thema, das die Kinder bewegt. Dann ist für andere Themen, des „Standardrepertoirs“ kein Platz. Es gibt keinen Plan, was bis wann erledigt, abgearbeitet sein muß. Die Zeit, den Plan, den Verlauf ihres Projekts um den Sibirischen Tiger bestimmen in erster Linie sie selbst. Ja, im Ping-Pong der 100 Sprachen mit der Erzieherin. Vielleicht kann sie es manchmal schwer aushalten abzuwarten. Und sicher weiß sie, wohin der eine oder andere Weg führt, ahnt schneller ob etwas funktioniert. Sie kann sich einbringen ohne den Kindern ihre eigenen Erkenntnisse vorweg zu nehmen. Eine schmale Gratwanderung. Ja, aber auch das muss man aushalten.

Denn es lohnt sich! Für die eigene Freude, die man beim Begleiten der Kinder in ihren Prozessen hat und für das Vergnügen am Tun, das die Kinder selbst entwickeln. Ihnen zu vertrauen, daß sie selbst am besten wissen, was sie bewegt. Diese Konzentration, Selbstwirksamkeit, Zielstrebigkeit, Frustrationstoleranz, Kooperation, Selbstvertrauen, Experimentieren und Erkenntnisse gewinnen, Lust am Entdecken und am Lernen… Das ist Lernen in Echtzeit – kein Instantlernen, wo die Erwachsenen das Konzentrat bereitstellen und scheinbar schnell den Kindern Wissen vermitteln. Die eigenen Erfahrungen sind jedoch viel intensiver und so auch nachhaltiger. Das ist Lernen in Sinnzusammenhängen, Lernen mit Begeisterung – verknüpft mit den Erlebnissen, die unter die Haut gehen. So sieht es auch die Neurowissenschaft.

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