Können Sie rezeptfrei denken?

2014-09-15 08:55
von Susanne Günsch

Diese Frage begegnete mir in der ästhetischen Werkstatt – und neben vielen anderen war sie es, die mich packte. Rezeptfrei – erste Assoziationen dazu waren: Kochen ohne Rezept, Leben ohne Ratgeber, Spielen ohne Anleitung, Gestalten ohne Bastelbuch – kurzum: Selbst denken! (Übrigens der Titel eines wunderbaren Buchs von Harald Welzer).

Für mich und die Remida war das Wort rezeptfrei eine Steilvorlage: Warte ich doch seit meiner ersten Anstellung als Erzieherin in einem Dorfkindergarten darauf, daß die Schablonen aussterben – denn wir hatten bereits damals in den 80er Jahren immer wieder Möglichkeiten gefunden, daß die Kinder frei gestalten konnten, also selbst entschieden wie sie ihr Huhn malten (beim gemeinsamen Hühnerhof-Geburtstagskalender).

Die Remida ist auch so ein Ort, der nach dem Wahrnehmen zum selbst denken einlädt. Manchmal werde ich gefragt, ob ich Kurse anbiete, was man mit den Dingen machen kann. Nein, ich höre mir an, was alles aus den Dingen geworden ist – das ist viel spannender, denn so viele Ideen kann ich gar nicht haben! Es ist faszinierend zu beobachten, wie Menschen auf Ideen kommen und was entstehen kann.

Rezeptfrei zu denken bedeutet für mich auch nicht einfach zu kopieren. Da sieht man irgendwo eine gute Idee, die man gern auch realisieren will, also fotografiert man es. Im Smartphonezeitalter ist das einfach und schnell – aber auf diese Weise findet keine Auseinandersetzung statt. Ein Be-Greifen und Durchdringen bleibt aus. Man hat dann eine Fülle von Fotos aber keinen sinlichen Eindruck. Mit der Intention der Entstehung des Originals beschäftigt man sich nicht. Das Motiv zum Kopieren ist „Ich auch!“ Rezeptfrei heißt für mich nicht, keine Anregung zuzulassen. Aber sie sollen eben zum Selbst-denken anregen. Mit der Inspiration den eigenen Weg der Umsetzung finden. Dann entstehen statt Kopien immer wieder eigene Interpretationen und neue Variationen eines Originals.

Rezeptfreies Denken findet im Kontext aus eigenen Erfahrungen und Erinnerungen, der Beziehung zu den Menschen und Dingen sowie der Bereitschaft und Offenheit sich immer wieder neu einzulassen statt. Im rezeptfreien Denken gibt es keine klaren Ergebnisse – zumindest nicht die, die man vorher schon wüßte. Kein Ergebnis als vorher festgelegtes Ziel sondern das Ergebnis eines offenen Prozesses. Dabei können sich Vermutungen bestätigen aber auch überraschende Erkenntnisse sind möglich.

Rezeptfrei-Denken heißt auch Programme in Frage zu stellen. Der pädagogische Alltag ist voll von Sprachförderprogrammen, Programmen zur naturwissenschaftlichen Bildung, zur musikalischen Früherziehung usw. Das Verlockende an ihnen ist ein klar definierter Ablauf und eine einfache Evaluation. Aber sie sind nicht Kontext orientiert – sie berücksichtigen nicht die Aspekte, die die Grundlage für rezeptfreies Denken.  Sie werden durchgeführt, Schritt für Schritt abgearbeitet. Ich möchte hier nicht Programme pauschal verurteilen, aber zur kritischen Prüfung, Hinterfragen und Selbst-denken anregen. Wenn Programme den Alltag dominieren, läuft etwas falsch. Wenn keine Zeit bleibt für Dialoge mit Kindern, weil das Sprachförderprogramm noch abgearbeitet werden muss, führt es sich selbst ad absudum. Oder haben Sie schon mal mithilfe eines Stoffmusterbuchs Kindern eine Geschichte erzählt? Frei erfunden? Volles Risiko? Die Geschichte entsteht aus Ihnen heraus in der Beziehung zum Kind im Hier & Jetzt.

Für den Kontext muß man seine eigenen Erfahrungen selbst machen, sich selbst auf eine Beziehung zu den Kindern einlassen und offen sein für Überraschungen – auch unliebsame. Eigenes Reflektionsvermögen und auch Feedback von KollegInnen hilft dann im konstruktiven Umgang mit dem eigenen Erfahrungsschatz. Das alles braucht Zeit und ist im Instant-Verfahren, also schnell & einfach, nicht zu machen.

Sich die Zeit dafür zu nehmen sorgt auch für eine Verlangsamung und somit Intensivierung der Prozesse.

Rezeptfreies Denken bringt gesellschaftlichen Nutzen. Weiterentwicklungen und Innovation entstehen aus neuen Ideen, die wiederum aus offenem Denken im Dialog mit der nachwachsenden Generation kommen. Irritationen und Überraschungen sind dabei die Triebfedern.

Haben Sie es beim Kochen schon einmal anders herum probiert - also von den Zutaten her statt vom Rezept? Vom Gemüseangebot auf dem Markt inspiriert erfinden Sie selbst ein leckeres Gericht. Rezeptfrei heißt den Prozess umzukehren vom "Dazu-brauche-ich" zum "Damit-mache-ich". Das funktioniert auch in der Remida: von Materialien auf eine Idee gebracht werden. Ach ja, und für’s Kochen ohne Rezept braucht‘s natürlich ein wenig aber solides Basiswissen – aber das haben Sie ja.

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